Das Erdbeben von Messina erschien 1820 als Anhang zu Johann Ernst von Gruner: Leben M. A. von Thümmels. (Siebenter Band der Gesamtausgabe).
Gruner schreibt in seiner Vorbemerkung:
Es ist oben schon als eine Eigenheit des Dichters bemerkt worden, daß er das Erdbeben von Messina nicht in seine sämmtlichen Werke aufgenommen, da er doch diese erst zwei Jahre nach jener Dichtung gesammelt und herausgegeben hat. Vielleicht läßt sich diese Ausschließung aus Folgendem erklären: Unter den Thümmelschen Handschriften fand sich ein Gedicht, die Beichte betitelt, in mehreren Abschriften, alle von Thümmels Hand. Auf einer der Abschriften hatte Thümmel bemerkt: letzte verbesserte Abschrift den 14. Mai 1816. Und diesem nach wäre die Beichte jünger als das Erdbeben von Messina. In beiden Gedichten wird derselbe Gegenstand behandelt, und es sind offenbar zwei Entwürfe über eine und dieselbe Fabel. Den alten Dichter muß dieser Gegenstand ganz besonders beschäftigt haben, und es scheint, als wenn er die Beichte, der er auch die künstliche Form der Stanzen gegeben, wenn sie vollendet worden wäre, dem Erdbeben von Messina würde vorgezogen haben. Allein sie ist nicht vollendet worden; und das, was von ihr da ist, ist zum größern Theil nicht zu enträthseln; Veränderungen sind auf Veränderungen gehäuft und wieder gestrichen, oft auch das Gestrichene gar nicht wieder ergänzt; auch findet sich nicht, wie das Ganze sich hat entwickeln und enden sollen.
     Der Leser begnüge sich daher an einigen Stanzen, die mit Sicherheit gelesen werden konnten, ohne erst über die Güte der Lesarten, und welche davon wohl vom Dichter gebilligt worden, Erklärungskünste und Vermuthungen zu Hülfe zu nehmen.
Die Beichte
---
Herr Pater! Hob die Wittwe an,
könnt´ ich erröthen noch, erfrechte
ich schwerlich mich mit dem Roman
von dreien meiner Jugendnächte
und ihrem schlüpfrigen Geschlechte
dem Beichtstuhl eines Mönchs zu nahn;
doch jetzt könnt Ihr ganz sicher wagen,
die Augen zu mir aufzuschlagen.

Um desto eher werdet Ihr,
selbst bleich wie ich, Euch gern bequemen,
mein Selbstbekenntniß voll Begier
nach Euerm Trost, mir abzunehmen;
was sollten wir uns deß auch schämen?
Es spricht ja die Natur aus mir,
und die verführt uns oft zum Guten,
wo wir´s am wenigsten vermuthen.

Nachts drauf entstand das Weltgestürme,
ach! Ihr erinnert´s Euch gewiß,
das unsre Häuser, unsre Thürme,
in einem Nu wie Glas zerschmiß,
und tausend menschliche Gewürme
hinunter in den Abgrund riß;
es schien die Erde zu zerspringen,
und ganz Messina zu verschlingen.

Auch mich traf dieses Schreckensloos:
Ganz stürzt´ ich zwar an Hals und Beinen
von meinem Pfühl, doch nackt und blos,
hinab zu meines Vaters Weinen.
Kaum lag ich in des Kellers Schooß,
ach Gott! da schmiegte sich dem meinen
ein Alp an, wie ich albern dachte,
der langsam mich zu würgen trachte.

Mir, die vor fünf Minuten kaum
um einen Frühlings=Traum betrogen,
der Erdsturm mit sich fortgezogen,
gleich einem Hänfling, der vom Baum
gescheucht aus seines Nestes Flaum,
in einen Dachsbau sich verflogen,
blieb es unmöglich zu verstehen,
was für ein Unheil mir geschehen.

Verrückt aus dem gewohnten Gleise
kam ich wie eine Uhr mir vor
mit Rädern ohne Schutzgehäuse;
denn nicht nur meines Busens Flor,
die ganze Draperie verlor
ich in dem Luftzug meiner Reise.
Das Schicksalsrad hat wohl so nackt
noch nie ein Mutterkind erpackt.

Sagt, läßt wohl eines Mädchens Noth
von größerm Umfang sich ersinnen?
Schon hatt´ ich mir die Augen roth
geweint was sollt´ ich nun beginnen?
da diesem Krater zu entrinnen
mir keine Seele Hülfe bot;
sollt´ ich in den verfallnen Mauern
wie meines Vaters Wein versauern?

So lag ich schnappend nach der Luft
und ohne Kraft mich umzuwenden,
erstarrt und mit gefalt´nen Händen,
gleich einem Leichnam in der Gruft.
Ach! seufzt´ ich, möcht´ in dieser Kluft
der Alp mir bald das Leben enden;
und doch erstickt´ ich fast vor Schaam,
je näher mir das Unthier kam.

Doch kurz drauf glaubt´ ich zu bemerken,
es sei wohl nur ein Erdensohn;
wahrscheinlich der zu finstern Werken
die Maulwurfsaugen sich zu stärken,
aus Furcht vor dem verdienten Lohn,
dem Hochgericht hieher entflohn,
und der zu spät gehenkt, erbarme
sich Gott! reicht dir nun seine Arme.

Längst hat ja Flaccus vorgeschrieben:
singt nur, was reizet und ergötzt.
Ob nun gleich der Geschmack im Lieben
nicht mehr den Athem dir versetzt;
o schöne Zeit! so ist doch jetzt
mein Schwanenkiel mir treu geblieben;
er macht mich wieder froh und jung
im Schauer der Erinnerung.

(...)

| nach oben |